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AIV Schweinfurt

Festrede Reiner Nagel

FESTREDE REINER NAGEL

Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur

 

THEODOR-FISCHER-PREISVERLEIHUNG DES AIV SCHWEINFURT 2015 AM 09.10.2015

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Remele
sehr geehrte Frau Sauer-Hauck,
sehr geehrter Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

mein herzlicher Dank gilt zunächst dem AIV Schweinfurt für die Einladung zu dieser Fest-rede aber auch wegen des Engagements für die regionale Baukultur und die Auslobung und Durchführung des Theodor-Fischer-Preisverfahrens!

Und das im Namen eben des großen Stadtplaners, Architekten und Ingenieurs Theodor Fischer, der wie kaum ein anderer schon vor 120 Jahren das mitbegründet hat, was wir heute mit zunehmender Zustimmung und Anerkennung als Baukultur bezeichnen. Für mich ist Theodor Fischer sowas wie ein Begründer der modernen Baukultur.

Ich möchte in meiner Rede zur Aktualität von Baukultur sprechen:

Aber zunächst:
Baukultur ist relevanter als wir glauben. Wir haben das im Baukulturbericht 2014/15 dargestellt: Das Bauvolumen in Deutschland ist etwa so groß wie der Bundesetat – 2013 waren das 310 Mrd. Euro. 10% des jährlichen Bruttoinlandsprodukts und 57% der Bruttoanlageinvestitionen liegen in der Bauwirtschaft. Und unser gesellschaftliches vermögen ist mit 84% als Bruttoanlagevermögen in Immobilien und Bauwerken gebunden. Mehr als genug Gründe also, schon aus Eigeninteresse die Qualität unserer gebauten Umwelt zu erhalten und zu entwickeln.

Die gesellschaftliche Bedeutung von Baukultur ist auch an der Anzahl der handelnden Akteure abzulesen. Das sind neben den etwa 125.000 Architekten und 144.000 Ingenieuren auch etwa 450.000 Menschen in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. Rechnen wir noch die Bauwirtschaft und Bauindustrie dazu, so wirken täglich 3 Mio. Menschen beruflich an der Gestaltung unserer Lebensräume mit.

Der Baukulturbericht 2014/15 ist inzwischen vom Bundeskabinett behandelt und vom Bundestag diskutiert worden. Per Beschlussempfehlung des Parlaments sollen wir, die Bundesstiftung Baukultur, uns nun noch intensiver um folgende Themen kümmern:

  • bezahlbares und finanzierbares Wohnen
  • Baukultur und Ländliche Räume – Klein/Mittelstädte
  • Baukultur und Tourismus
  • Grün in der Stadt

Wir stehen heute aufgrund der aktuellen Zuwanderung sicher in einer gesellschaftlich besonderen Situation. Das wurde deutlich auf der DASL-Jahrestagung vor zwei Wochen in Regensburg zum Thema „mehr Stadt:“ – eben auch durch Zuwanderung! Und die Anfang dieser Woche in München stattgefunden Immobilienmesse Expo Real in München war nach dem Eindruck einiger Teilnehmer auch eine „Flüchtlings-Expo“.

Eins ist also sicher, Bauen hat Konjunktur, allemal beim Wohnungsbau – schnell. viel, notfalls billig und mit schlechter Qualität!
Gerade deshalb sagen wir als Bundestiftung Baukultur jetzt, es ist nicht egal wie es aussieht und alles Bauen, jeder Neu- oder Umbau muss eine Verbesserung und Verschönerung für die Stadt bewirken.

In der Einleitung zum Baukulturbericht setzen wir noch ein Stück allgemeiner an, um die Notwendigkeit dieser Haltung zu verdeutlichen:

Wir stehen als Menschheit möglicherweise an der Schwelle eines neuen Menschenzeitalters. Auch wenn wir unsere Erde immer noch als etwas Natürliches ansehen, ist sie in zunehmendem Maße und inzwischen fast vollständig von Menschen eingerichtet und gestaltet. Der niederländische Meteorologe und Nobelpreisträger für Atmosphärenchemie Prof. Dr. Paul J. Crutzen nennt dies die „neue Welt des Anthropozäns, (das Menschenzeitalter nach dem Holozän) die vor uns liegt“, bei der wir trotz aller Herausforderungen und Rückschläge immer noch die Chance haben, „eine dauerhaft lebensfähige, gestaltende und freiheitliche Zivilisation zu werden“. Wir nehmen Europa und Deutschland weitgehend als Kulturlandschaften, mit Siedlungen und Städten baukultureller Identität wahr. Hierin liegt eine der wesentlichen Ursachen für den Bedeutungszuwachs, den das Thema Baukultur seit etwa zwei Jahrzehnten erfährt. Baukultur in Form der gebauten Umwelt ist überall. Sie prägt uns und wir formen sie durch unser alltägliches Handeln als Nutzer oder aktive Gestalter von Lebensräumen.

Dennoch läuft in unserer gemeinsamen Wahrnehmung vieles schief bei der Baukultur. Jeder kann von Bausünden berichten und hat sich schon gefragt, wie „so etwas“ passieren kann, wer das geplant oder genehmigt hat? Es wurde wahrscheinlich noch nie so viel geplant, über Baukultur geredet, gelehrt oder publiziert – und häufig so banal gebaut.

Wir müssen uns deshalb das Ziel einer interdisziplinären Zusammenarbeit von Architekten, Ingenieuren Landschaftsarchitekten, aber auch Immobilien- und Bauwirtschaft setzen, ganz in der Tradition Theodor Fischers.

Aber wie machen wir das? 90% der Lebensräume der Zukunft (allemal in Europa und Deutschland) sind schon gebaut – hier geht es um Veränderungen, die Verbesserungen sein müssen. Und es geht um ein sich in einem erkennbaren Wandel befindliches Verständnis von Bestandsentwicklung, das der Kunsthistoriker und Zeit-Autor Hanno Rauterberg in seinem Buch „Wir sind die Stadt“ wie ich finde treffend beschreibt:

„Diese Lust der Architekten am Collagieren und Intervenieren, an jenen Methoden, die sich auch unter Künstlern großer Beliebtheit erfreuen, sie kommt nicht von ungefähr. In erstaunlich vielen der (jungen) Planungsbüros arbeiten nicht nur Architekten, sondern ebenfalls Musiker, Bildhauer oder Designer. Und so beginnt sich das klassische Berufsfeld aufzulösen. Diese Architekten interessieren sich für das Mögliche im Unmöglichen, dafür, wie sich im scheinbar Hässlichen, im vermeintlich unbewohnbaren eine Lücke finden lässt.“ [klingt nach einem Hinweis auf die heutigen Preisträger] „Während älterer Kollegen die monströs verbauten Innenstädte am liebsten abreißen würden, machen sich die neuen Pragmatiker daran, selbst entlang lärmender Autoschneisen lebenswerte Räume zu erschließen. Ihre Kunst ist die des Anfügens, Abtrennens, Weiterbastelns und das Bauen wird zum Prozess mit offenem Ausgang, vieles darf und soll improvisiert werden“

Also nicht nur sanieren sondern umbauen und weiterbauen!

Sie werden fragen: ist das noch Baukultur und trägt es noch den Gestaltungswillen einer lebenswerten Zukunft in sich?
Ja, Baukultur ist interdisziplinär, prozessorientiert, bisweilen ephemer und es geht immer um reflektiertes Gestalten und um Angemessenheit.

Im Fokus stehen das Erscheinungsbild und die Funktion des Bauwerkes und die vermittelnde Wirkung des Gebäudes auf den öffentlichen Raum. Was können Nutzer und Stadtbewohner mit dem Gebäude anfangen. Wie wirkt es, vielleicht auch unterbewusst auf sie? Strahlt es heitere Gelassenheit oder Strenge und Ernst aus? Spricht es den menschlichen Maßstab an, oder ist es abwehrend und unerreichbar? Ist es gesellig oder will es allein gelassen werden? Dies gilt in gleicher Weise auch für Plätze und öffentliche Räume.

Ein gutes Mittel, um für sich diese Fragen zu beantworten, ist für mich die Personifizierung von Häusern. Volumen, Fassaden und Details, also die Erscheinung von Bauwerken und Räumen bildet eine eigene Sprache, die auf uns wirkt.

Der evangelische Landesbischof Ralf Meister hat es in unserer Kolumnensammlung „Baukultur ist …“ folgendermaßen beschrieben:

„Die Baukultur ist die Grammatik der Stadt. Und jeder ist frei, sie zu benutzen oder souverän zu ignorieren. Wer glaubt, ohne Satzbau und Zeichensetzung, ohne grammatische Grundkenntnisse, eine Stadt lesen zu können, wird sich hoffnungslos verlaufen und niemals entdecken, wie eine Baukultur vom Scheitern und von der Schönheit erzählen kann. Sie ist die wichtigste Lesehilfe, um in gebauten Orten kulturell sprachfähig zu sein: Längst wirken alte Städte, die aus fernen Zeiten vollständig überliefert worden sind, wie untergegangene Sprachen, die man glaubt, vor der Vielfalt und Buntheit der Moderne wie eine alte Bibliothek schützen zu müssen. In anderen Städten dagegen wird die Vielfalt so inszeniert, dass sich Besucher in einem Turmbau zu Babel heillos verirren. Und am schlimmsten sind die Kopisten, die einfältig glauben, jede Stadt besitze die gleiche Grammatik“

Im Grunde heißt das doch, angesichts von technologischer Globalisierung ist alles überall gleichaussehend machbar. In Zeiten zunehmender Internationalisierung von Architekturen werden Gebäude, die überall stehen könnten (ich finde zu Recht disqualifizierend) als „Investorenarchitektur“ bezeichnet.

Denn: Auch wenn wir weltweit inzwischen alle das gleichaussehende Smartphone in der Tasche haben, müssen wir unsere Architekturen und Freiräume im wohlverstandenen Standortinteresse regionaler Identitäten, weiterhin diversifizieren.

Gerhard Matzig, Autor und Architekturjournalist der Süddeutschen Zeitung, hat (trotz technologischen Fortschritts) einen neuen Konservatismus in der Gesellschaft diagnostiziert und hält dagegen:

„Was wir wirklich brauchen in einer Zeit der gewaltig vor uns aufragenden politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Problemgebirge am Beginn dieses Jahrtausends: eine neuen Zukunftslust, ein Gestaltenwollen, ein Problemlösen. Wir brauchen einen neuen Utopismus, eine neue Moderne.“

Eine neue Moderne im Sinne Theodor Fischers kann die Antwort auf die jetzt zunächst in Städten auf uns zukommende Wohnungsfrage sein. Als Leiter des Stadterweiterungsbüros in München von 1893 bis 1901 (also vor 120 Jahren), hat er mit dem damaligen Stadtwachstum die Wurzeln für die heute lebenswerte und erfolgreiche Stadt München gelegt. Und das anders als Hausmann, Cerda oder Hobrecht nicht autonom und am Reißbrett, sondern indem er vier Masterplanungen aufnahm und gemeinsam mit Grundeigentümern und Bauherren ortsangepasst weiterentwickelte. Man könnte sagen er war einer der ersten Entwicklungsmanager.

Wohnungsbau ist auch heute nicht nur eine Herausforderung der Daseinsvorsorge, sondern bietet gleichzeitig das größte Gestaltungspotenzial für unsere Lebensräume insgesamt. Es ist eben nicht egal, welche baulichen Qualitäten Neubauten haben, wie sie aussehen und ob sie in einigen Jahren noch marktfähig sind. Durch kluge Grundrisse, die offen für sich ändernde Lebensmodelle und Nutzungswünsche bleiben, eine Gestaltung, die Identifikation mit dem eigenen Wohnort schafft und zugängliche Erdgeschosse als Schnittstelle zum öffentlichen Raum entstehen über den eigentlichen Wohnraum hinaus gesellschaftliche Mehrwerte.

Doch ausgerechnet im Wohnungsbau, dort wo man hautnah mit Gebautem in Berührung kommt, erleben wir häufig eine Abwesenheit von Gestaltung – und von Architekten. Nach Schätzungen des Bundes Deutscher Architekten sind sie bei weniger als 20% aller Wohnungsbauten beteiligt. Und tatsächlich wird integrierte Planung und gute Gestaltung immer noch, oder gerade jetzt als Kostentreiber, Zeitfresser und Luxus verstanden. Bei großen Wohnungsbauprogrammen sind deshalb häufig politische Rahmenbedingungen entscheidend und bei Einfamilienhäusern wird auf die Kataloge der Fertighausanbieter und ihre vermeintlich individuellen Zusatzoptionen zurückgegriffen. Genau hier, in den Einfamilienhausgebieten, entsteht noch immer der meiste Wohnraum. Dabei kann das freistehende Haus, zumindest das im Neubaugebiet, kein Modell für das Wohnen der Zukunft sein. Flächenverbrauch, Fahrtwege und Energiebilanz sprechen eindeutig dagegen. Die Lösung wird auch weder im vollautomatisierten so genannten Smart Home zu finden sein, noch im wieder in Mode gekommenen Wohnhochhaus oder in hybrid genutzten Großstrukturen mit erheblichen wohnfremden Unterhaltungskosten. Der Wohnraum der Zukunft liegt direkt vor uns: Ich spreche vom „normalen“ städtischen Wohnhaus mit drei bis fünf Etagen und den zentrumsnahen Siedlungen der Nachkriegszeit mit Verdichtungspotential. Wie so oft muss also der Bestand Vorrang haben und dieser Begriff auch auf die Nachkriegsmoderne ausgedehnt werden, denn diese Gebäude, zwischen 1945 und 1978 errichtet, machen den Großteil unserer gebauten Umwelt aus.

Hier können und müssen wir ansetzten und diese Gebäude gestalterisch, funktional und energetisch heutigen Bedürfnissen anpassen, wobei die Vorteile bestehender Nachbarschaften und Versorgungseinrichtungen erhalten und genutzt werden können. Die Stadt der Zukunft wird kaum anders aussehen als bisher. Aber wir müssen einen geringeren individuellen Flächenverbrauch akzeptieren und uns mit mehr städtebaulicher Dichte anfreunden, damit nicht wieder architektonische und soziale Monostrukturen, etwa Großsiedlungen auf der grünen Wiese, entstehen. Gebraucht wird nicht eine Lösung, sondern ein Zusammenspiel unterschiedlicher Maßnahmen: etwa Aufstockungen, der intelligente Einsatz industrieller Vorfertigung, Konversion von Büro- und Gewerbeflächen, aber auch die Bebauung von Restflächen an Verkehrswegen bzw. der teilweise Rückbau der autogerechten Stadt. Dazu gehört auch, dass unsere öffentlichen Freiräume statt als Verkehrsräume, als Lebensräume gestaltet und mit Zusatzfunktionen und zusätzlichem Grün in der Stadt belegt werden. Wahrscheinlich ist dies neben dem Wohnungsbau die größte „Baustelle“ in den kommenden Jahrzehnten: Von Rudolf Hillebrecht zu Jan Gehl – von der autogerechten Stadt zur Stadt für Menschen deren öffentlicher Raum den möglichen Blickkontakt zum Maßstab hat.

Wir kommen heute nach den Irrungen und Wirrungen der Nachkriegsmoderne oder des Rekonstruktivismus nach 120 Jahre zurück zu Theodor Fischer, zu seinem Zusammenspiel der (Ingenieur-)disziplinen und zum Primat des menschlichen Städtebaus mit den Grundelementen Verkehr (ich würde es heute öffentlicher Raum und Infrastruktur nennen), Wohnen (gemischt mit Arbeit und zentralen Funktionen im städtischen Quartier) und der Entwicklung des Städtebaus aus der historischen Identität des Ortes (eine reflektierende Planungs- und Prozessqualität).

Wenn wir dies in unserem politischen und tatsächlichen Handeln beachten dann „schaffen wir nicht nur“, wie die Kanzlerin einer erschöpften Gesellschaft sagt, die vor uns liegenden Gestaltungsaufgaben, sondern wir haben es in der Hand, was Gutes im Sinne der Baukultur daraus zu machen.

Und wir brauchen hierzu Architekten und Ingenieure, die die Synthese all dieser Anforderungen in gute Gestaltung umsetzen. – also zurück zum Theodor- Fischer Preisverfahren, dass diese Synthese- und Gestaltungsleistungen ehrt.

Ich danke dem AIV für seinen Einsatz und den Preisträgern und Ausgezeichneten gratuliere ich schon jetzt zu Ihrem verdienten Erfolg!

Besten Dank